„Das Bedürfnis sind nicht grosse, sondern gemeinsame Räume“

Seit fünf Jahren wohnt die Geografin Judith Gasser (34) mit ihrem Mann und den drei Kindern in der Siedlung Burgunder in Bern. Für die „Zersiedlungsinitiative“ erzählt sie vom Leben in der ersten autofreien Siedlung in der Schweiz.


Flurina Wäspi
: Was hat euch dazu motiviert, in die Siedlung Burgunder zu ziehen?

Judith Gasser: Wir haben vorher im Mattenhof gewohnt, in einer Dreizimmer-Wohnung. Es hat uns zwar gut gefallen, aber es wurde mit der Zeit einfach ein wenig zu klein. Von der Siedlung Burgunder habe ich dann durch mein Engagement beim Grünen Bündnis Bern erfahren. So sind wir dann vor fünf Jahren als Erstbezüger in diese Wohnung gezogen. Damals war die Wohnung praktisch noch eine Baustelle (lacht).

 

Was gefällt dir besonders an der Siedlung Burgunder?

In der Siedlung selbst mag ich die Nähe, die man zu seinen Nachbarn hat, das Zusammenleben. Auch die allgemeine Situation der Siedlung mit der Nähe zu Industrie, Eisenbahn und anderen Wohnformen gefällt mir. Und dass es normal ist, kein Auto zu haben, finde ich schon auch cool.

 

Wie lebt es sich denn so ohne Auto? 

Wir sind sehr gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln angeschlossen, S-Bahn und Tram sind nur wenige Meter entfernt. Meiner Meinung nach steckt sicher auch eine Portion Idealismus hinter der Idee, autofrei zu leben. Aber vor allem hat man einfach gesehen, dass sowieso etwa 50 Prozent der Stadt Bern kein Auto besitzen. Da macht es doch nur Sinn, auch für die Bedürfnisse dieser Leute zu bauen. Die meisten Leute, die hier wohnen, hätten nämlich auch kein Auto, wenn sie eines unterbringen dürften. Idealerweise sind in einer Siedlung oder einem Quartier die Voraussetzungen so gut, dass die Bewohner irgendwann merken, dass man einfach kein Auto braucht. Das ist hier der Fall. Trotzdem gibt es ja auch noch einige Besucherparkplätze sowie ein Mobility-Standort gleich vor dem Haus.

 

Könnt ihr auch euren Arbeitsweg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigen?

Mein Mann arbeitet in Ostermundingen, wo er ohne Probleme mit dem ÖV hinkommt. Ich selbst mache im Moment gerade ein Zweitstudium an der Pädagogischen Hochschule in Bern – die Art der Wohnpolitik in der Siedlung Burgunder erlaubt es, von einem Einkommen zu leben.

 

Wie gestaltet sich denn die Mietstruktur in der Siedlung?

Unser Haus gehört einer kleinen Pensionskasse. Wir bezahlen für die Wohnung eine Kostenmiete, das heisst, man bezahlt nur, was das Haus an Erstellung und Unterhalt kostet und nicht, was sonst als ‚marktüblich’ bezeichnet wird. Alle fünf Jahre findet eine Re-Evaluation statt, die sich aber wiederum nicht am Markt orientiert. Grundsätzlich sollten die Mieten nicht substantiell steigen. Hinzu kommt, dass wir von extrem günstigen Nebenkosten profitieren, da unsere Wohnungen nach Minergie-Standard gebaut sind, wodurch wir praktisch nicht heizen müssen. Und dann gibt es noch das Konzept „Miete nach Mass“: die Idee davon ist, dass man bei Einzug in die Wohnung gewisse Dinge ‚hinzumieten’ kann – so haben wir zum Beispiel im unteren Stock ein Zimmer gemietet, welches wir als Schlafzimmer benützen. Wenn die Kinder einmal ausziehen sollten, können wir die Treppe entfernen lassen und das untere Zimmer kann von jemand anderem gemietet werden oder als Gemeinschaftsraum genützt werden.

 

 

Nun haben wir über den ökologischen und den ökonomischen Aspekt gesprochen – wie würdest du das soziale Zusammenleben in der Siedlung beschreiben?

Grundsätzlich ist zu sagen, dass die Leute wirklich viel hier sind und ihre Freizeit in der Siedlung verbringen. Niemand ist isoliert hier, jeder hat Kontakt zu den Nachbarn. Es gibt viele gemeinschaftlich genutzte Räume, so kann man sich zum Beispiel Büroräume teilen. Und für die Kinder ist es auch toll, sie können jederzeit nach Draussen um mit ihren ‚Gspänli’ zu spielen. Wir haben in der Siedlung auch ab und zu nachbarschaftliche Anlässe, zum Beispiel einen gemeinsamen Aufräumtag, wo wir die Velohäuschen putzen, Sträuche schneiden… Regelmässig machen wir auch so halbspontane Sachen wie Grillabende oder jetzt in der EM-Zeit zusammen die Spiele zu schauen. Dazu kommen Treffen, welche organisatorische Dinge innerhalb der Siedlung betreffen. So haben wir beispielsweise ein Mitspracherecht bei der Nachmieterschaft.

 

Du hast selbst drei Kinder: Glaubst du nicht, im Häuschen am Waldrand hätten sie die bessere Kindheit?

Ich persönlich finde einfach, Kinder brauchen andere Kinder. Kinder gehen nicht einfach so alleine draussen spielen und sind dabei glücklich. Hier in der Siedlung können sie zudem selbständig sein, selber zur Schule, in Vereine, Freunde besuchen etc. Ich finde es schön, wenn Kinder nicht die Eltern brauchen, um ihnen ‚die Welt aufzumachen’. Mir gefällt es auch, dass meine Kinder in einem durchmischten Quartier aufwachsen, in welchem verschiedene Kulturen vertreten sind. Meiner Meinung nach tut den Kindern ein wenig ‚Realness‘ in der Schule gut.

 

Wie steht es denn um die soziale Durchmischung in der Siedlung Burgunder selbst?

Einige würden wohl sagen, dass Familien etwas übervertreten sind. Meiner Meinung nach ist es aber altersmässig relativ gut durchmischt, es ist halt nur so, dass Kinder den Aussenraum relativ stark prägen. Neben Familien wohnen aber auch jüngere Paare und Pensionierte hier. Abgesehen von einer Flüchtlingsfamilie in der Siedlung sieht es mit der milieumässigen Durchmischung aber weniger gut aus. Klar ist aber auch, dass es schwierig ist, innerhalb einer kleinen Siedlung eine wirklich gute soziale Durchmischung zu erreichen. Für mich persönlich erscheint es zudem noch wichtiger, dass das Quartier insgesamt gut durchmischt ist. Und dies ist im Quartier Bümpliz definitiv der Fall.

 

Welche Voraussetzungen braucht eine Wohnform wie diese Siedlung, könnte sie überall realisiert werden?

Für mich ist klar, dass diese Art des gemeinschaftlichen, selbstverwalteten Wohnens nicht überall geht, und auch nicht für alle gemacht ist. Aber ich sehe definitiv ein paar Dinge, die man im grösseren Stil umsetzen könnte. Dazu gehört grundsätzlich die Idee von gemeinsamen Räumen. Meiner Meinung nach ist die Siedlung Burgunder exemplarisch dafür, wie wertvoll die Möglichkeit ist, gute Kontakte zu den Nachbarn zu pflegen und die Kinder auch einfach mal raus lassen zu können und sich keine Sorgen machen zu müssen. Offenbar ist dies den Leuten eben wichtiger, als noch ein Zimmer oder eine Etage mehr zu haben. Diese soziale Komponente könnte man meiner Meinung nach noch an vielen anderen Orten realisieren.

 

Wo siehst du noch Veränderungs- bzw. Verbesserungspotential in der Siedlung?

Grundsätzlich finde ich auf jeden Fall, dass die Wohnungen genügend gross sind. Ich würde mich aber einen etwas flexibleren Grundreiss wünschen, sodass beispielsweise mehr, aber kleinere Zimmer möglich wären. Dies würde gerade Familien mit Kindern entgegenkommen. Man dürfte auch ruhig noch etwas mehr experimentieren, zum Beispiel mit Cluster-Wohnungen. Und aus meiner ganz persönlichen Sicht fände ich es wie gesagt auch schön, wenn es noch etwas mehr soziale Diversität gäbe.